Rundum 2005
Rundum 2005 oder: Was in der Nacht zum 4. Juni wirklich geschah.
(von und mit Ernst Gut)
Freitag, gegen 14 Uhr:
Einlaufen in den bereits übervollen Hafen des Lindauer Segelclubs. 5 Stunden unter frühsommerlicher Sonne und mit einem zickigen Motor liegen hinter mir.
Markus winkt von einem der Stege. Markus kommt (extra) aus Hamburg und hat seine Freundin Annie (Schanghai) sowie seinen Segelfreund mit dem schönen und in süddeutschen Ohren eher ungewöhnlichen Namen Bra Oke Braren aus Bremen mitgebracht.
Markus ist Anwalt und seit vielen Törns mein ganz spezieller Segelfreund, Annie "macht nur Kriegsberichterstattung und wird nicht in die Kampfhandlungen eingreifen" (Wortlaut Markus) und Bra ist auf der zweitnördlichsten Frieseninsel Amrum geboren, hat die ersten Lebensjahre nur Salzwasser zu trinken bekommen, ist Bootsbauer von Beruf und, wie ich später merken werde, ein unglaublich routinierter Segler. "Schönes Schiff. Aber hast Du einen 5-er-Bohrer an Bord?" Ich spüre, wie sich Bauch und Nacken bei mir verspannen. Der alleinige Gedanken an hurtiges Löcherbohren so mal kurz vor der Regatta verursacht mir Übelkeit. Aber ich hatte den von weit anreisenden Gästen einen Spi als Grundausstattung versprochen und zum Führen (mein Lieblingswort aus der Seeschiffahrtsordnung) eines Spi gehören nun mal Beschläge. Also leihe ich gegen Hinterlegung meines Ausweises einen fies tönenden Akkubohrer beim Schiffsausrüster in der Stadt aus, verlasse mein Schiff, um von der grässlichen Aktion möglichst wenig mitzubekommen und hole bei Plus noch Bier. Als ich zurückkomme, ist alles perfekt. Die Beschläge sitzen wo sie sollen. Kein Blut.
Gegen 19 Uhr:
Tiefstehende Sonne, sommerliche Wärme, Flaute. Irgendwoher kommt dem startenden Rundumsegler das bekannt vor. Wie eine wild gewordene Wespe sägt ein Schlauchboot der Regattaleitung mit großer gelber Fahne die Startlinie auf und ab. Von einem größeren Begleitschiff tönt Dixieland, Gläserklirren. Die Stimmung an Bord scheint gut zu sein. Hoch über der Flotte schwebt ein großer transparenter Ballon mit einer Kamera unten dran. Für das International-Power-Sponsor-Yachting-Feeling sorgt ein hin- und herknatternder schwarz-roter Helikopter hoch über allem.
Beim Start regattaunübliche Zuvorkommendheit: "Da fragt einer, ob Du ihn durchlässt". "Klar, soll kommen". Höfliches Winken auf beiden Seiten.
Die letzten Schiffe sind nach 30 Minuten noch nicht über der Startlinie. Wir sind trotz Zuvorkommendheit in der ersten Reihe gestartet und genießen unsere vergängliche gute Position. Entspanntes Freitag-Abend-Apero-Segelfeeling mit Bier, Wein und Häppchen auf allen Schiffen. Im Westen baut sich langsam und gleichgültig eine anthrazitfarbene Wolkenwand auf.
Gegen 22 Uhr:
Eine Brise von achtern, der "falschen" Seite. Die für etwa Mitternacht angekündigte Kaltfront soll ja von Westen, also von vorne kommen. Hunderte Spinnaker rascheln und knistern, dazwischen unterdrückte Flüche, Kommandos, Geräusche von blockierter Mechanik. Das Feld beginnt zu gleiten. Um uns hunderte Glühwürmchen. Die achterliche Brise dreht auf Süd und nimmt an Stärke zu. Es wird kühler.
Dann kommt der berühmte Satz, der den meisten Unwettern auf Schiffen vorausgeht: "Ich glaube, wir sollten uns etwas anziehen". Noch unentschlossen und ungläubig ziehen wir die viel zu warmen Öljacken und Faserpelze sowie die Schwimmwesten über. Von da an geht es schnell.
"Spi runterkommkommkommkommkomm!". Das Kommando kommt von Bra, der qua natürlicher Autorität in die Rolle des Schiffsführers geschlüpft ist. "Rauf die Genua, nein nicht die ganz kleine, die normale!"
Na ich dachte, wir segeln einer Front entgegen und jeder Logbuch-Leser weiß, dass die Croco bei Starkwind mit der kleinen Fock einfach besser aussieht. Aber sei's drum, Bra, Du wirst schon wissen , was Du tust.
Bra weiß, was er tut: Durchsetzen. Alles. Fallen, Strecker, Schoten. Und nicht einfach durchsetzen. "Du ziehst jetzt am Achterstag mit allem was Du hast. Mit allem, hab ich gesagt. Jetzt nachfassen, und die Füße einsetzen!" Geräusche von gewaltsam gedehnten Materialien, die eigentlich nicht gedehnt werden wollen. Der Bootsbauer meint zur Beruhigung, die "Boote können immer mehr als wir" und ich studiere das sperrholzbrettchenartige Profil unserer durch Durchsetzung verwandelten Segel. Das Schiff fühlt sich plötzlich viel leichter an. 5 Beaufort, wir segeln wunderbar aufrecht, die Windkante lang nach Westen.
Annie wird aus der Vorschiffskoje kommandiert. "Wir brauchen Dich jetzt auf der Kante". Annie ist leicht. Und diszipliniert. Aus der schwarz gewordenen und mit der Nacht verschmolzenen Wand vor uns zucken Blitze. Blitze, die unheimlich hell sind und beängstigend nah wirken und denen der Donner dann doch erst mit gnädiger Verzögerung folgt. Markus, vorn am Want, die Beine außenbords, seine Annie im Arm, sagt mir später, es seien die Blitze gewesen, die ihm Angst gemacht hätten.
Es ist dunkel. Dämmriges Licht nur auf dem pflichtgemäß beleuchteten Vorschiff. Und es hat Starkwind. Oder Sturm. Der Regen, der inzwischen eingesetzt hat, peitscht wagrecht von vorn ins Gesicht und tut richtig weh. In den Böen ist es auch mit unserer neu getrimmten Leichtigkeit vorbei. Dann legt sich das Crossodil auf die Seite wie all die anderen Schiffe vor und hinter uns und links und rechts, die wir trotz Glühwürmchenbeleuchtung jetzt alle nicht mehr sehen. Bra brüllt ein Kommando, das keiner versteht. "Lauter" antwortet Markus, was er immer tut, wenn Bra brüllt. "Dass ich immer so brüllen muss", wird Bra nach dem Sturm sinnieren. Aber noch brüllt Bra, im Sturm, mit dem Sturm, gegen den Sturm: "Ich will jetzt ganz schwere Ärsche haben auf der Kante. Los, macht Eure Ärsche schwer!!!".
Markus und ich machen uns still und gehorsam schwer. Annie, die das, was man A. nennt einfach nicht hat, tut ihr möglichstes. Ich bin froh, dass Bra brüllt. Alle 5 Sekunden, die wir nicht gesunken oder vom Blitz getroffen sind, werden mit einer gebrüllten Belobigung gefeiert: "Gut gemacht, super Job, so ist es richtig!". "Super Schiff! Zumindest bei Sturm eins der besten in der Größe, die ich kenne". Sagt Bra. Mir wird es warm ums Herz im Dunkeln.
Während der zahlreichen und lichtstarken Blitze leuchten für halbe Sekunden unvergessliche, unwirkliche Bilder auf. Schwarze Wellen, weißes, fliegendes Wasser, Markus und Annie Arm in Arm, als würden sie im Ruderboot auf dem Dorfteich den Mond anschauen. Bra, von dessen Gesicht unter dem Südwester nur der bartstoppelige, untere Teil zu erkennen ist, haut mich in die Seite und fragt, ob das die Art Abenteuer sei, die ich gesucht habe. Ja, ist es. Kann ich ehrlich sagen. Schönheit pur. Solange weiter alles gut geht und die gedehnten Teile halten. "Nach fest kommt lose", sagt zu diesem Thema ein anderer Segelfreund von mir, Materialtechniker im Flugzeugbau, und auch der muss es wissen. Eine lange Böe, stärker als alles, was bisher da war, legt uns flach. Wasser gurgelt über die Fußreeling, das Deck, den Süllrand, rein ins Cockpit. Sorry, das mit den Reffleinen hatten wir eigentlich noch besprechen wollen. Aber jetzt ist es stockdunkel und das Schiff befindet sich nicht in der Lage, in der man ausgefummelte Reffleinen wieder einfummelt.
Runter das Großtuch und weiter mit der brettflachen Fock. Es wird ruhiger. Großtuch wieder rauf. Rechts voraus tanzt ein Schiff. Keine normalen Schiffsbewegungen, es tanzt. Und es hat keinen Mast. An Deck viel Weiß, Taschenlampen, Blitzlichter. Helfen? Was helfen? 30 Sicherungsboote sollen unterwegs sein, hatte es jedenfalls nachmittags in der Sonne geheißen. 30, klingt nach viel, freitagnachmittags in der Sonne auf der Mole. Ist fast gar nichts. Nach Mitternacht auf diesem plötzlich doch ziemlich großen See. Besser weitersegeln, oder? Außerdem ruft der gar nicht um Hilfe. Da fängt eine der Taschenlampen an zu kreisen. Und gleich darauf steigt eine nun wirklich nicht mehr zu übersehende rote Signalrakete auf. "Vielleicht ist einer über Bord und die können nicht mehr manövrieren. Los! Abfallen. Klar zum Aufschiesser! Und wegen unterlassener Hilfeleistung will ich auch keine Scherereien." Wäre mein Job gewesen, dieses verantwortungsvolle Kommando. Aber Bra ist Schiffsführer, heute Nacht, jetzt endgültig. In Lee des in Seenot befindlichen Schiffes stampft das Croco in der Welle. Vor uns ein Gebirge aus Weiß.
Dazwischen lugen 5 oder 6 Köpfe raus. In den Händen, an den Schwimmwesten und auf den Köpfen kleine Notlichter. Wieder das Bild von den Glühwürmchen. An Backbord rauscht ein Regattakonkurrent mit Getöse und viel Fahrt gegen die Wellen vorbei. Die auf dem entmasteten Schiff brauchen uns nicht, sagen sie. Wollen "richtige" Rettung. Bergung. Einen von den Dreißig. Wir gehen zurück an den nun rasch auf drei Bft nachlassenden Wind. Romanshorn suchen. Ohne GPS. Der "sucht" seinerseits seit dem Nachmittag nach "Satteliten". Und hat erst einen "gefunden". Das reicht nicht einmal für den Bodensee. Orientierung nachts ist immer wieder ein Vergnügen. "Links voraus, da auf 10 Uhr, dasisromanshorn! Da ist doch das Lagerhaus! Quatsch, gibt's nur in Arbon! Aber der Berg, wo gibt's einen Berg hinter Romanshorn? Also das gibt´s doch nicht...".
Gegen 3 Uhr:
Annie schläft göttlich geborgen im Vorschiff. Bra wollte sich nach dem Unwetter "kurz hinlegen" und liegt da nun schon fast zwei Stunden, provisorisch niedergestreckt neben dem Niedergang. In der Kajüte herrscht unglaubliches, nasses Durcheinander. Ein Teeglas hat sich in Tausend Scherben aufgelöst. "Kein Glas an Bord. Sag ich schon immer. Nur Tupper." Sagt Bra am nächsten Tag dazu. Der See ist spiegelglatt irgendwo vor Altnau. Kein Hauch. Markus sagt in die Stille, man müsse sich doch ziemlich "bescheuert" vorkommen, wenn man drei Stunden vorher seinen Mast abgesegelt hat. Und jetzt das. Dorfteich. Suppenteller.
Gegen 5 Uhr:
"Das mach ich nie mehr wieder".
Habe ich bei der letzten Rundum etwa um diese Zeit auch gesagt. Und beim vorletzten Mal auch. Ich bin patschnass unter dem Ölzeug mit dem klingenden Markennamen (Ausführung "Offshore"). Ich friere wie ein Hund (an meine Ersatzklamotten komme ich durch das Chaos da unten nicht ran). Ich habe Hunger. Und ich bin unglaublich müde. Immer wieder Sekundenschlaf. Oder länger. Und beim Erwachen und Augenöffnen Fehlwahrnehmungen. Das Lichtergewippe am Hörnle voraus wird immer wieder kurz in merkwürdige Träume eingebaut. Es wird langsam grau, dann hell.
Samstag, gegen 10 Uhr:
Überlingen ist geschafft. Der Himmel ist bedeckt. Die ersehnte Sonne zum Trocknen von Mann und Maus ist nicht herausgekommen. Dafür haben wir Wind. Ein ausreichend kräftiger West sorgt mit 3 bis 4 Bft. für den nötigen Vortrieb. Und mit dem großzügig ausgeliehenen Spinnaker (danke Andreas Löwe!), herrlich groß und grün, geht es zügig dahin.
Links voraus ein moderner 29-Füsser mit SUI im Segel. Das muss er sein, der Herr Kollege aus dem Büro! Hol dicht! Alles! Wir haben jetzt nur noch einen Konkurrenten! Und schlagen ihn schließlich nach wildem Kampf. Und erfahren am Montag im Büro, dass er es gar nicht gewesen ist, der Herr Kollege. Dass er die Segel gestrichen hat, nachts um drei vor Romanshorn in der Flaute.
Gegen 12 Uhr:
Markus, bring mir doch bitte den Pupseimer! Wieder muss das schwarze Universalgefäß aus dem Ankerkasten ran. Mein sorglos schweifender Blick streift zwei zarte Frauenknie unten im Niedergang. Schlagermusik tönt aus der Kajüte. Letzte Scharmützel werden ausgetragen: Eine Avance 36 ("Awanze", wie mein Segelfreund Herbie sagen würde) und ein edel ausgestatteter Dreißiger ziehen uns auf der letzten Seemeile davon, nachdem wir sie immerhin seit Meersburg "kontrolliert" hatten.
Gegen 13 Uhr:
Schuss. Über die Linie. Für die auf dem Zielschiff als einzelner Schuss gar nicht mehr registriert. Für uns eine Erlösung. Und ein Lob: Ihr habt es geschafft, Jungs, und das Mädchen. Ihr seid wie besoffen vor Müdigkeit. Es geht alles viel langsamer von der Hand, als sonst. Im Schiff schaut es aus wie anderswo unter dem Sofa. Und schon sprecht Ihr vom nächsten Jahr! Soll einer verstehen! Wir verstehen.
"Dein Schiff hat einen guten Job gemacht". Sagt Bra zum Abschied. Worüber über meinen seglerischen Beitrag auch alles gesagt wäre.